Land, wo Wasser war

In den Niederlanden trotzen die Menschen seit Jahrhunderten den Kräften des Meeres. Entstanden sind Gegenden mit unzähligen Wasserwegen. Eine Region wie gemacht für eine Flussreise. Eine Reportage von NZZ-Reisereporterin Stefanie Schnelli, die auf der Excellence Countess durch die Niederlande kreuzte.

Reportage von Stefanie Schnelli
Fotos von Holger Leue und Carlos Van Dijk

Es ist schwierig zu fassen, wie weit der Blick reicht. Er wandert zum Horizont und zurück, nach links, nach rechts. Flaches Land. Topfeben. Nichts versperrt die Sicht. Unser Car fährt vorbei an saftig grünen Wiesen, auf denen mollige Schafe grasen, an Häusern mit typischen Reetdächern, an Wäldern. Die Landschaft fasziniert, die Weite, die Ruhe und Natürlichkeit. Würden wir hier die Berge vermissen? Die Frage drängt sich bei ein paar Reisenden auf. Bis sie beim Aussteigen ein stürmischer Wind begrüsst, der solche Gedanken davonträgt. «Sturm nennt ihr das?», fragt Tanja, Kreuzfahrtleiterin der Excellence Countess, mit der die Gruppe diese Flussreise durch die Niederlande unternimmt, und lacht. «Sturm ist für uns im Norden erst, wenn die Schafe keine Locken mehr haben.» Gerade zeigt sich die Sonne, und der riesig breite Nordseestrand hebt sich fast weiss vom blauen Himmel ab.


Die Flussreise startet und endet in Nijmegen, die Route führt in den Süden, nach Zeeland, und mit der Fähre in den Norden auf die Ijsselmeer-Insel Texel. Auf dem Programm stehen Führungen in kleinen Orten wie dem hübschen Middelburg, Metropolen wie Rotterdam, Abstecher in die Natur Frieslands oder zu technischen Bauten wie den Deltawerken. Interessante Einblicke in ein kontrastreiches Land.

Kampf gegen die Kraft des Meeres. Seit Jahrhunderten kämpfen die Menschen hier gegen das Meer an, versuchen sich vor den Fluten zu schützen und der See wertvolles Land abzuringen. So ist ein eindrückliches System aus Dämmen, Deichen, Poldern und Wehranlagen entstanden. Rund ein Drittel der heutigen Landfläche liegt unter dem Meeresspiegel. Das Meer ist eine ständige Bedrohung, das Schutzsystem ausgeklügelt. Die Fahrt über das Oosterschelde-Sturmflutwehr der Deltawerke zeigt die Dimensionen der Schutzmassnahmen. Mit gewaltigen Stahltüren zwischen Betonpfeilern kann der Meeresarm in 75 Minuten abgeriegelt werden. Die liebliche Landschaft hinter den Dämmen und Deichen steht im Kontrast zu den massigen technischen Anlagen. In den Poldern, also den trockengelegten Flächen, weiden Schafe neben alten Windmühlen, die benutzt wurden, um Wasserabzupumpen. Ein romantisches Bild. Die Bewohner fürchten das Wasser und lieben es zugleich innig. Das brausende Meer vor den Deichen, die Seen, Kanäle, Flüsse und Bäche. Das Land verdankt dem Wasser viel. Im 17. Jahrhundert, Blütezeit des Landes, wurde es durch den Handel über den Seeweg reich und berühmt. Wunderschöne alte Häuser zeugen vom Glanz vergangener Tage. Hier auf einem Schiff zu reisen ist die schönste Form, all das zu entdecken.


«Sturm ist für uns im Norden erst,

wenn die Schafe keine Locken mehr haben.»

Tanja Gmelin,
Mittelthurgau-Kreuzfahrtleiterin


An Deck der Excellence Countess zu sitzen, das Wasser plätschern zu hören und die Landschaft an sich vorbeiziehen zu lassen, entspannt zutiefst. Wer will, geniesst den geheizten Whirlpool. Spielt das Wetter einmal nicht so mit, gibt es mit Glas geschützte Aussenbereiche. Oder man geniesst den Ausblick von drinnen, durch die vielen grossen Fenster – im Panorama-Restaurant, im À-la-carteRestaurant am Heck, in der glasüberdachten Sky-Lounge oder in den grosszügigen Kabinen. Überall gibt es viel natürliches Licht und Platz. Die Atmosphäre ist stilvoll, mit höchstens 178 Gästen an Bord familiär. Die Excellence Countess wurde im Mai 2019 getauft und ist das neuste Schiff der Excellence-Flotte, die zehn eigene Flussschiffe besitzt. Legt die «Gräfin» an, sind die Passagiere meist nach wenigen Schritten mitten im Zentrum. In Rotterdam zum Beispiel. Der Seehafen ist der grösste Europas. Eine Hafenrundfahrt gewährt Einblick in diese Welt, wo Tonnen von Gütern ein- und ausgeladen werden, Krane in den Himmel ragen. Mittendrin: die Floating Farm, eine Art schwimmender Bauernhof, ein Pilotprojekt für nachhaltige Landwirtschaft.


«Meer» heisst «See». In Amsterdam legt die Excellence Countess auf dieser Reise länger an als geplant. Ein Sturm macht uns einen Strich durch die Rechnung, die Fahrt über das Ijsselmeer nicht möglich. Das Ijsselmeer ist der grösste See des Landes, künstlich durch Eindeichung entstanden. «Meer» bedeutet auf Niederländisch «See». Die Wetterkapriolen machen die perfekte Organisation des Reisebüros Mittelthurgau deutlich: Das Programm wird sofort umgestellt, alle Ausflüge finden statt. Die letzte dieser Touren führt nach Giethoorn. In einem Boot tuckern wir frühmorgens durch eine idyllische, ruhige Grachtenwelt. Später wird es eng auf den Grachten. Seit Holland Tourismus in China einen Werbefilm mit Aufnahmen aus Giethoorn veröffentlichte, kann sich der Ort vor Gästen kaum retten. Die Wasserwege und Seen Giethoorns enstanden durch den Abbau von Torf. Die ausgehobenen Gräben wurden nicht aufgeschüttet und füllten sich mit Wasser. Schöne Strassen, nur knapp einen Meter tief. Auch so kann Wasser sein. Sanft und mild.


Vlaai essen in Maastricht – Tipp von Produktchefin Elke Waldis

«Maastricht, die gemütliche alte Universitätsstadt, ist eindeutig eine der schönsten Ankerplätze unserer «Gräfin». Herrlich, durch die alten Gassen zu schlendern! Alle Sehenswürdigkeiten, wie die gotische Sint Janskerk oder das Rathaus erreichen Sie zu Fuss. Probieren Sie unbedingt Vlaai, den traditionellen Hefekuchen der Provinz Limburg. Am besten kehren Sie dafür im Grand Café Maastricht Soiron ein (Vrijthof 18, im Innenhof des gleichnamigen Museums). Das Café mit der schönen historischen Ambiance wird von Maastrichts bester Bäckerei Mathieu Hermans beliefert. Smakelijk!»

Elke Waldis muss es wissen. Sie ist geboreneNiederländerin und Produktleiterin der Flussreisen mit der Excellence Countess.


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