«Ich dachte, Berner seien langsam...»

Donau-Krimi von Thomas Bornhauser Kapitel 2

Man erinnert sich: Stephan Moser und Claudia Lüthi von der Kantonspolizei Bern, beruflich und privat liiert, sind auf dem Weg zur Excellence Fantasianach Passau, von wo aus sie eine Donau-Flussfahrt nach Budapest und retour geniessen wollen. Zuvor sind zwei Nächte in einem zentral gelegenen Erstklasshotel in München gebucht, weil die beiden sich die Stadt in aller Ruhe ansehen möchten, Hofbräuhaus inklusive. Gehört schliesslich dazu. Einen Zwischenfall gab es bekanntlich im Intercity zwischen Bern und Zürich, weil ein Mann vergiftet wurde. Das führte dazu, dass Stephan Moser und Claudia Lüthi am späten Nachmittag erst mit Verspätung im Hotel eintrafen.

«Sodeli, da wären wir also. Endlich…», sagte Stephan Moser vor dem Hotel zu seiner Freundin.

«Ja, aber schau mal in die Eingangshalle, komisch, dieser Hühnerhaufen…»

In der Tat: Als sie die Drehtüre zur Lobby erreicht hatten, kamen ihnen schreiende Menschen in Richtung Ausgang entgegen. Kurz zuvor hatte man einen lauten Knall gehört. Die Lage war völlig unübersichtlich, der Knallkörper hatte einer Rauchpetarde gleich den Raum teilweise vernebelt, überall rannten Menschen herum, ziellos, laut durcheinander schreiend. «Im Aufzug liegt ein Toter!» rief ein Mann, «Dort drüben liegt eine Bombe!» eine Frau. Sicher war nur eines: Claudia Lüthi und Stephan Moser waren wieder mitten drin, in der Action. Ohne zu beratschlagen, was man tun oder nicht tun sollte, rannte Moser zur Rezeption, wo eine sichtlich geschockte und von der Situation völlig überforderte Frau ihn anstarrte.

«Was ist passiert?», fragte Moser, während seine Partnerin versuchte, sich im Tohuwabohu einen ersten Überblick zu verschaffen.

«Im Aufzug liegt ein Mann, man hat ihm in die Stirne geschossen.»

«In welchem Lift?» doppelt der Berner nach, ohne zu überlegen, dass Lift in Bayern nicht der korrekte Ausdruck für einen Aufzug war. Dennoch schien ihn die Frau zu verstehen.

«Dort, wo die Türe offen ist», bekam er zu hören, so dass er sich sofort zum Fundort begab, wo sich auch Claudia Lüthi zu ihm gestellte, um aber sofort zur Rezeptionistin zurückzukehren. Dort erfuhr sie in nicht zusammenhängenden Sätzen, dass es kurz nach der Entdeckung im Lift eine Detonation gab, die Claudia Lüthi ja miterlebt hatte.

«Ist die Polizei verständigt? Notruf 110.», wie die Bernerin wusste.

«Ja, kommt.»

Auch Stephan Moser hatte zur Rezeption zurückgefunden, mit dem Auftrag an die Angestellte, sofort alle Zugänge zum Hotel zu schliessen, Einstellhalle inbegriffen. Er wies sich- zusammen mit seiner Partnerin -sofort als Mitglied der Kantonspolizei Bern aus und drehte sich anschliessend in Richtung Lobby, um die noch wenigen Anwesenden lautstark zu informieren, dass die Polizei avisiert und unterwegs sei. Ob jemand sagen könne, was passiert sei.

Eine Minute später waren Sirenen zu hören, unmittelbar danach standen unzählige Polizisten im Eingangsbereich. Der Einsatzleiter begab sich auf direktem Weg zur Rezeption, um Auskunft zum Vorfall zu erhalten. Die Angestellte war jedoch nicht mehr ansprechbar, so dass sich Stephan Moser und Claudia Lüthi vorstellten und eine erste Übersicht gaben: Eine vermutete Rauchpetarde, um Verwirrung zu stiften, ein Toter im Lift, ihr Auftrag, alle Zugänge sofort zu sperren.

Harald Reuter zückte seinerseits seinen Ausweis, der ihn als Polizei-Hauptkommissar des Freistaats Bayern legitimierte. Er bedankte sich für die «hervorragende Arbeit», um eine witzige Feststellung anzuhängen, weil der Meinung, Berner seien langsam. Praktisch parallel zu diesen Worten forderte Reuter im Präsidium «das ganze Karussell» an. Gemeint waren unter anderem KTU, Rechtsmedizin, Spusi und Notfallarzt.

«Herr Reuter, können wir…»

«Wenn’s recht ist, Harald, das reicht, wir sind ja Kollegen. Ketzerische Frage Stephan: Haben Claudia und du Dienstwaffen dabei? Ich muss dich das fragen.»

«Kein Problem. Nein, wir sind unbewaffnet, sind auf einer Ferienreise.»

«Tut mir leid, dass dies euer erste Eindruck von München ist. Ich werde meinen Leuten jetzt ihre Einsätze befehligen und koordinieren. Ich fürchte, euer Check-In verzögert sich noch eine Weile. Geht doch inzwischen an die Bar im obersten Stockwerk, schöne Aussicht über die Stadt.»

«Danke, Harald, hast Du etwas dagegen, wenn Claudia und ich uns zuerst umschauen, vielleicht fällt uns etwas auf.»

«Zum Beispiel?» wurde Reuter neugierig.

«Zum Beispiel, weshalb die Frau an der Rezeption allein zu sein scheint, hier ist doch Hochbetrieb.»

«Gute Frage. Also denn, ihr Berner, ihr kriegt vollen Auslauf. Ach, noch etwas: Danke!»

Der Instinkt von Claudia Lüthi führte sie und Moser in die Eingeweide des Hotels, nämlich in den Untergrund, mit allen haustechnischen Installationen, so auch die Wäscherei, wo jedoch niemand mehr zu sehen war. Kein Wunder, um diese Tageszeit. Claudi Lüthi fiel auf, dass das Meiste der Wäsche auswärts in eine Grosswäscherei ging, stand doch ein Lastwagen abfahrbereit an der Rampe, mit allerdings noch offener Ladetüre, die der Fahrer gleich schliessen wollte.

«He! Sie! Warten Sie! Wir sind von der Polizei.»

«Weit sind wir hier in Bayern gekommen», bekam die Bernerin zu hören, «wenn wir bereits Schweizer beschäftigten… Was wollen Sie?», worauf Lüthi den Fahrer zu sich bat. Im Flüsterton erklärte sie, dass sich einem grossen Sack «hinten rechts» etwas bewege, er solle die Türe abschliessen. Ihr Partner würde in dieser Zeit Hauptkommissar Reuter informieren, um sich die Sache näher anzusehen.

Zwei Minuten später lag ein junger Mitarbeiter der Rezeption mit gefesselten Händen auf dem Boden. Die Ermittlungen sollten in der Folge ergeben, dass er im Aufzug seinen Drogendealer erschossen, anschliessend mit der Petarde Panik und Verwirrung gestiftet hatte, um sich unbemerkt abzusetzen.

Claudia Lüthi und Stephan Moser konnten schliesslich ihr Zimmer beziehen und abends das Hofbräuhaus besuchen, staunten aber nicht schlecht, als sie am nächsten Morgen im Münchner Merkur lasen, dass zwei zufällig anwesende Berner Kriminalbeamte gestern in einem Erstklasshotel die Münchener Einsatzkräfte «grossartig» unterstützt hätten. Auch ohne Namen und Foto wusste man darüber bei der Direktion der Kantonspolizei bereits Bescheid, weil von den Münchner Kollegen informiert…


Fortsetzung folgt....

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