Die Sage vom Riesen Säntis

Vor grauen Zeiten hauste ein gewaltiger Riese, Sämtis oder Säntis. Sein Bett war das Schwendibachtal, und die Meglisalp mit ihrem sammetweichen Alpengras war sein geblümtes Kopfkissen. Dort aber, wo er seine Ellbogen einstemmte, wenn er sich erhob, träumt heute der Seealpsee.

 

Sein Essen schleppte er in einem ungeheuren Sack herbei, den er aus Häuten von tausend Urochsen und zehntausend Bären zusammengeflickt hatte. Wie der Riese wieder einmal im flachen Lande unten am See umherzog, fand er Gefallen an den vielen putzigen Häuschen, die in den Ebenen und an den Gewässern stellenweise in hellen Haufen beieinander standen, und an den kleinen, schnurrigen Menschlein, die wie irrsinnig zwischen ihnen hindurchhasteten. Um daheim in aller Ruhe damit spielen zu können, wischte er mit der Hand einige Dörfer samt Mann und Maus in seinen Riesensack. Ein stämmiger Bauer wurde just beim Mähen überrascht, konnte sich aber geschwind in einen Graben ducken. Kaum war die Riesenfaust über ihn hinweggefahren, sprang er auf, holte mit langen Armen so weit aus, als er nur konnte und riss mit seiner Sense einen langen Schlitz in den untersten Teil des Sackes.

 

Der Riese, der auf das aufgeregte Getue der zappeligen, kleinen Wesen nie sonderlich achtete, schwang seinen Sack über die Schulter und stapfte zufrieden dem Alpstein zu. Da aber der Sack bei jedem Schritt in weitem Bogen hin und her bammelte, wurden die aus dem Riss herausfallenden Häuser weit über das ganze Land hinausgesät. Erst als er sich auf seiner gewohnten Ruhebank, dem Alpsigel, niedersetzen und die Beute erlesen wollte, merkte der Riese den Verlust. In seiner Wut leerte er den Rest kurzerhand vor seinen Füssen aus. Dann verschwand der Riese und kam nicht mehr zurück.

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